Buchtipp: „Der Circle“, von Dave Eggers

Buchtipp [Foto: Nathalie Hammes]

In einem Rutsch, an einem Tag las ich das Buch „Der Circle“ von Dave Eggers. Eigentlich wollte ich nur ein paar Seiten lesen. Doch immer wieder las ich weiter: Ich wollte wissen, wie es denn nun weitergeht bei Mae, wie sie sich entscheidet.

Mae hat einen neuen Job beim Unternehmen Circle, das sich unter anderem mit digitalen Identitäten und Technologien beschäftigt. Am Anfang sieht alles toll aus: Mae erledigt ihren Job zur Zufriedenheit ihrer Vorgesetzten, sie fährt am Wochenende zu ihren Eltern, hat ein Zimmer in einer WG.

Was als normaler Job von 8.30 Uhr bis 17 Uhr beginnt, endet in einer kompletten Verwandlung gleich einer (freiwilligen) Gehirnwäsche für Mae. Sie übernimmt das Credo des Circles komplett, lebt nach „Transparenz und Partizipation“.

Das sind die beiden Schlagwörter im Buch. Es geht um Teilnahme am Leben anderer und um Bekanntmachung der eigenen Meinungen und Posts zum eigenen Leben. Für jedes Like, jeden Kommentar und Posts steigt der User in einem Ranking auf; je höher das Ranking, desto höher die Anerkennung der anderen User. Bekanntzusein wird irgendwann als „Macht“ empfunden.

Am Anfang ist Mae dieses System noch nicht so wichtig, weswegen sie ein Gespräch mit ihrem Vorgesetzten und anderen hat. Sie stellen ihr die Frage, ob sie sich nicht wohl fühle in der Firma, da sie die dort freiwilligen Aktivitäten nach Feierabend wie Feste am Wochenende weder besuche noch Kontakt zu ihren Kollegen nach der Arbeitszeit hätte. Die Begründungen, mit denen Maes eigene Meinung verdreht wird, sind, wenn im ersten Moment irgendwie unverschämt, sogar nachzuvollziehen, wenn man sich in dieses Szenario einlässt. Maes Vorstellungen und Meinungen werden komplett verdreht.

Das Individuum tritt zurück, stattdessen geht es immer mehr um das (folgende) Kollektiv. Zu Anfang wird der Schutz des geistigen Eigentums noch hochgehalten, doch das Geheimhalten bestimmter Dinge wird als Geheimnis gesehen, und Geheimnisse werden als Lügen abgestempelt.

Die Vorteile einer transparenten Welt werden damit erklärt, dass man sich zum Beispiel besser auf eine Verabredung vorbereiten könne: Das Wissen um Vorlieben bei der Ernährung könne die Wahrscheinlichkeit eines gelungenen Dates erhöhen. Meinungen zu teilen und über Erfahrungen zu berichten sei eine Hilfe für andere, die vielleicht Gesprächspartner zu diesem Thema suchen.

Dass diese Haltung als negative Konsequenz Beobachtung, Kontrolle, Überwachung, Gruppenzwang mit sich bringt, sieht Mae, die sich immer weiter in den Strudel der Visionen der Unternehmensleiter hereinziehen lässt, nicht. Natürlich gibt es im Buch ebenfalls die Gegenposition. Doch angesichts der Gruppendynamik gehen diese Stimmen unter und werden als verlorene Seelen, die die Arbeit von Circle nicht verstehen, abgetan.

Unter dem Gesichtspunkt, dass Geheimnisse Lügen sind, wird die Frage thematisiert, ob jeder alles wissen sollte. Wissen anderen nicht zur Verfügung zu stellen sei antisozial, unmoralisch und ein destruktives Verhalten. Alles Wissen muss dem Kollektiv zur Verfügung stehen.

Permanente Beobachtung wird gut geheißen, denn wer sich beobachtet weiß, verhält sich besser, sei ein besserer Mensch. Niemand würde mehr etwas illegales, unethisches, unmoralisches tun – aus Angst vor Bestrafung.

Diese Transparenz wird mit dem Ziel verkauft, die Demokratie zu verbessern. Dass durch dieses Utopia ein tyrannisches Monopol aufgebaut wird, sieht Mae nicht. Sie lässt sich darauf ein, fühlt sich in dieser Ordnung wohl und empfindet die andere Welt, die sich noch nicht dem Circle angeschlossen hat, als chaotisch, als „Dritte-Welt-Erlebnis“.

Visionen einer unvermeidlichen Zukunft dieser digitalen Community werden gezeigt, ein einheitliches System, aufbauend auf Algorithmen und Technologie, das eine angeblich sichere Welt schaffen will. Die Gefahren einer ganzheitlichen Digitalisierung werden unter den Tisch geredet. Gesunder Menschenverstand bei den Usern oder Hinterfragen mancher Handlungen: Fehlanzeige. Und wer nicht mitmachen will, der ist nicht sozial, der ist ein gestörtes Individuum.

Mich hat beeindruckt, dass diese im Buch geschilderten Szenarien eintreten könnten; sogar die Begründungen, warum manches getan und angenommen wird, sind auf ihre eigene Art schlüssig und nachzuvollziehen.

Ich finde es erschreckend, wie groß der Druck einer digitalen Gemeinschaft werden könnte, was manche Person mit großem Charisma ausrichten und wie sie anderen Menschen beeinflussen kann.

Mein Fazit ist, und diese Überlegung ist nicht neu, dass jeder überlegen sollte, welche Daten online gestellt werden. Das Internet vergisst nicht – und beim Circle ist Löschen keine Option.

Haben Sie das Buch ebenfalls gelesen? Was ist Ihre Meinung?

 

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