Warum in der Kommunikation Wahrnehmung, Perspektiven und Rollen wichtig sind

Kommunikation kommt vom lateinischen communis, das heißt gemeinsam; und auch nur „gemeinsam“, das heißt mit mindestens einer Person mehr  im kommunikativen Prozessals man selbst, entstehen Missverständnisse. In wieweit Wahrnehmung, die eigene Perspektive und unsere vielen Rollen damit zu tun haben, möchte ich im Folgenden erklären.

Sie möchten mit jemandem über ein gemeinsames Erlebnis sprechen, doch langsam erhitzt sich das Gespräch zu einer Diskussion, die nach kurzer Zeit total verfahren scheint und es keinen Konsens gibt. Stattdessen hat man den Eindruck, zusätzlich im Streit auseinander gehen zu müssen. „Verstehe ich nicht, wir waren doch in der gleichen Situation“, denken Sie sich, „hat der denn etwas anderes wahrgenommen als ich?“

Schauen wir uns das Wort Wahrnehmung mal an.

Im Wort „Wahrnehmung“ steckt „wahr“ wie „echt“. Unsere Sinne sagen uns, dass eine Situation so ist, wie wir es sehen, hören, riechen, fühlen, schmecken. Ich war einmal in Merida, Yucatán, auf einem Markt. Ich kann Ihnen sagen, da haben die Sinne wirklich viel zu tun, bei diesem bunten Strauß an Eindrücken 🙂

Wenn folglich meine Wahrnehmung mir sagt, dass der Eindruck korrekt ist, wie kann es dann sein, dass der Mensch , der dies gleichzeitig zusammen mit mir erlebte, über anscheinend etwas komplett anderes spricht? Irgendwie sind wir in einer Sackgasse gelandet.

„Verstehe ich nicht, wir waren doch in der gleichen Situation“ – Und genau das waren Sie wahrscheinlich nicht.

Kommunikationsmodell

Kommunikationsmodelle gibt es mehrere. Beteiligt sind immer in einer Kommunikation immer ein Sender, derjenige, der eine Nachricht sendet, und den Empfänger, derjenige, der die Nachricht bzw. Botschaft erhält. Wichtig dabei ist der gleiche Code; das bezieht sich nicht nur auf die gleiche Sprache, sondern auch auf Symbole und Zeichen. Gibt es während des Senden-Empfangen-Prozesses eine Störung, kommt es zu Fehlermeldungen: Auf der Ebene der zwischenmenschlichen Kommunikation ist ein Missverständnis entstanden.

In diese Entstehung des Missverständnisses kann ebenfalls mit hineinspielen, dass ein Thema aus unterschiedlichen Standpunkten heraus besprochen wird.
Dieser unterschiedliche Standpunkt (Perspektive) in der Situation sorgt dafür, dass die sprachlichen Codes, wenn auch für Sender und Empfänger gleich, auf unterschiedlichen Ebenen aneinander vorbei liefen.

Schauen wir uns an, wie dies gemeint ist.

Kommunikation ist ein Prozess, der von vielen Seiten gestört werden kann

Kommunikation wird durch vieles beeinflusst. Vor allem durch die Situation selbst, also Ort, Zeit und Handlungsrahmen. Der Handlungsrahmen ist es, der uns ermöglicht, in Bezug zueinander zu handeln, zu kommunizieren; er bestimmt den Kontext und schließt gleichzeitig andere aus. Zum Beispiel: Im Job kommunizieren Sie anders als im Sportstudio, auch zu erkennen an der Kleidung. Im Job, egal wie casual es sein darf, wird es keine Jogginghose sein – Sporttrainer lasse ich hier mal heraus 🙂

Dabei ist der Handlungsrahmen keine objektiv zu messende Größe, sondern ein individuelles soziales Konzept, auf das sich die Kommunizierenden beziehen. Der soziale Kontext ist relevant für die Produktion von Bedeutungen und Interpretation von Symbolen. Beispiel: Wenn der Chef aus seinem Büro winkt, hat dies eine andere Bedeutung, als wenn man seinen Bekannten im Sportstudio zuwinkt.

Zur Situation addieren sich die Rollen des Kommunizierenden: Unsere unterschiedlichen Beziehungen zu anderen Menschen und in Netzwerken haben uns mehrere Rollen zugeschrieben, in denen wir situationsbedingt agieren. So kann ich Chefin, Mutter, Freundin, Trainerin, Mediatorin und vieles mehr gleichzeitig sein. Doch in der jeweiligen Situation ist die geforderte Hauptrolle präsent, die jedoch nie von den anderen Facetten meiner Persönlichkeit getrennt ist, die in dem Moment aber in den Hintergrund treten.
Die Situationen nehmen wir in unseren Rollen wahr; diejenige Rolle, die die Hauptrolle einnimmt, hat dann den größten Einfluss auf unsere Wahrnehmung. Ein Angestellter hat eine andere Wahrnehmung der Unternehmensstrukturen und den Auswirkungen einer Entscheidung der Unternehmensleitung als eine leitende Führungskraft, da ihn zum Beispiel andere Motive (Sorgen, Ängste) motivieren.

Wir sehen daher selten das große Ganze, sondern meist einen Ausschnitt des aktuellen Sachverhaltes, aus dem heraus wir uns eine Meinung bilden und die damit die Basis für zum Beispiel eine argumentative Kommunikation wird. Wir leben also in individuellen, subjektiven Wirklichkeiten, auch wenn viele sehr eng miteinander verwoben sind.
In diesem Zusammenhand möchte ich auf die Sozialontologie nennen, die die Seinsweise und die Struktur „sozialer Tatsachen“ untersucht.

Unsere Sicht auf uns selbst ist wichtig für unsere Kommunikation

Folglich ist ebenfalls die Sicht auf uns selbst, wie wir uns selbst in der Gesellschaft positionieren, wichtig für eine Kommunikationssituation. Und unser eigener Standpunkt, dass sind wir selbst, zusammen mit unseren Meinungen, Erfahrungen, unserem Wissen. Die Welt, unsere Welt, dreht sich um uns. Mit diesem Punkt sind wir fest verankert, er bildet das Zentrum unseres Bezugsystem, in dem unsere Werte und Normen,  auch unsere Stereotypen, Vorurteile, Klischees verankert sind).

Kommunikation basiert auf dem Wahrgenommenen, also den individuellen Wirklichkeiten und diese sind immer von individuellen Erfahrungen abhängig. Erfolgreiche Kommunikation ist oft von gemeinsamer Wirklichkeitskonstruktion in Gesellschaften, Gruppen, Vereine, usw. abhängig.

„Wahrnehmungen entstehen […] nicht zuletzt als Ergebnis von Kommunikation und wirken auf Kommunikation zurück, so daß wir bei einem Wechselverhältnis beider enden, was dazu führt, daß weder das eine ausgelassen werden kann, noch das eine dem anderen vorangestellt werden kann“.

aus Scheffer, Bernd, „Wir wir erkennen – Die soziale Konstruktion von Wirklichkeit im Individuum, 5. Kollegstunde im Funkkolleg. Medien und Kommunikation – Konstruktion von Wirklichkeit, Hessischer Rundfunk, Seite 39

Wahrnehmungen beeinflussen Kommunikationsprozesse

Noch einmal zur obigen Situation: Es kann sein, dass Sie und Ihr Gesprächspartner das Ereignis komplett gleich wahrgenommen, aber anders bewertet haben: Die Umstände wie Ort, Lautstärke, Helligkeit, Gerüche, Anzahl der Menschen im Umfeld, also alles, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, waren für beide Kommunikationsbeteiligte unterschiedlich.
Manche kommen mit Lautstärke nun mal besser zurecht als andere, die dies schnell als nervig empfinden können, was zur negativen Beurteilung führen kann, oder weil diese Situation sie sofort an schlechte Erfahrungen erinnert.
Gleichzeitig war die grundlegende Einstellung zur Bewertung eine andere, basierend auf der eigenen Rolle in dieser Situation.

Was machen wir nun mit diesen Rollen, der Perspektive und der Wahrnehmung?

Nun, wenn es nicht mehr voran geht, wie wäre es, vielleicht mal ein paar Schritte zurückzugehen und die Situation neu zu bewerten? Vielleicht sogar aus einem anderem Standpunkt?

Den Überblick zu behalten, kann in der Kommunikation hilfreich sein. Aber nicht die Details übersehen. (Foto: Nathalie Hammes)
Nicht nur auf dem eigenen Standpunkt zu beharren, kann in der Kommunikation hilfreich sein (Foto: Nathalie Hammes, München 2015)

Mit manchen Menschen kann man super diskutieren, es macht Spaß, Argumente und Beispiele auszutauschen und zu versuchen, den anderen irgendwie „herumzukriegen“, so dass er sich doch der eigenen Meinung anschließe. Geht leider nicht immer, und manchmal, wenn es schlecht läuft, bleibt einem das dumpfe Gefühl, trotz allen Redens, nicht verstanden worden zu sein. Die Gefühle und Bedürfnisse wurden von dem anderen nicht ernst, ja vielleicht nicht wahrgenommen. Kommunikation läuft ja nicht immer über Sprache.

Es gibt Menschen, die gelernt haben, sich in anderen Menschen hineinzuversetzen, einen Perspektivwechsel vollziehen können und selbst sehr reflektiert sind – um annähernd nachzuempfinden, wie sich andere fühlen.
Es gibt dann eine wechselseitige Bemühung von Kommunikator und Adressaten um Verständigung. Das heißt dann noch lange nicht, dass man sich der Meinung des anderen anschließt, sondern nur, dass man sie versteht und nachvollziehen kann.

Wie kann man Kommunikationssituationen verbessern? Zum Beispiel durch Rückfragen: „Habe ich das richtig verstanden?“, durch Wiedergabe des Gesagten mit eigenen Worten, mit Zeichen, die dem Sender Verstehen oder Nichtverstehen rückmelden, oder man sagt einfach, dass man den anderen nicht verstanden hat.
Man kann auch die Kommunikationsweise an sich zum Thema machen und ein paar Grundlagen festlegen. Beispiel: Wer etwas möchte, muss es klar kommunizieren und darf nicht glauben, dass andere hellsehen können – oder hexen oder sich aus einem Blick oder aus kryptischen Worthülsen etwas zusammenreimen (natürlich das, was gemeint, aber nicht gesagt war).  🙂

Im Job, mit dem Partner, bei Dienstleistungen, mit Kindern gibt es genug Beispiele  dafür. Schreiben Sie mir, welche kommunikativen Sackgassen Sie schon erlebt haben.

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